Noch ein Mal schlafen, dann konnte sie endlich erneut ihrem Alltag entfliehen. Und diesmal sollte der Auftrag etwas größer werden, über ihr gewohntes Revier hinausgehen.
Aber bis es soweit war, musste sie noch die neue Metalllieferung kontrollieren und einsortieren. Das bedeutete, einen ganzen Vormittag lang verschiedene Metallbarren auf ihre Qualität zu prüfen und wiegen, alles im Geschäftsbuch vermerken und mit der Rechnung abzugleichen und schließlich das Ganze zu verräumen.
Khaouria seufzte. Ihre Geschwister waren bereits außer Haus, also konnte sie wenigstens ihr Frühstück in Stille genießen. Der Haferbrei war bereits kalt, aber das nahm sie gern gegen ein paar Stunden mehr Schlaf in kauf. Gähnend schlenderte sie durch die Seitentür des Hauses in die Schmiede, in der bereits der Vater ihrer Geschwister stand und die Lieferung entgegennahm. Khaouria nahm sich eine Lederschürze vom Nagel und streifte ein paar Arbeitshandschuhe über.
„Guten morgen!“, grüßte Andoil sie. „Bloß keine Minute zu früh erscheinen.“ „Aber auch keine zu spät.“ Sie grinsten sich an und Khaouria übernahm die Lieferung. Eine Weile arbeiteten sie still nebeneinander. Die Lieferung war umfassender als sonst und es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, das ganze Metall zu überprüfen. „Hast du einen besonderen Auftrag bekommen?“, fragte sie ihren Ziehvater. Er nickte. „Irgendein Adliger aus Bürgerhein gönnt sich mal wieder eine neue Rüstung und damit er vor seinen Freunden ordentlich damit angeben kann, soll ganz viel verschiedenes Edelmetall zur Verzierung verarbeitet werden. Ich will mich nicht beschweren, da wir jetzt auch für Ealia Schulgeld bezahlen müssen, kommt der Auftrag gerade recht.
Wenn wir schon dabei sind: Deine Mutter bat mich dir auszurichten, dass du Ealia abholen sollst. Sie hat eine Anfrage zu einem Auftritt bekommen und ist gerade bei irgendeiner älteren Dame, um die Details zu klären. Ist wohl ihr achtzigster Geburtstag und dafür hat sie ganz genaue Vorstellungen.“ Khaoria zuckte mit den Schultern und nickte bloß. Wäre nett, wenn meine Eltern mich wenigstens fragen würden, als wäre es völlig ausgeschlossen, dass ich auch etwas anderes vorhaben könnte. Wird wirklich Zeit, dass ich hier rauskomme. Aber anstatt sich zu beschweren, seufzte sie nur erneut und beäugte den nächsten Metallbarren. Und noch ein Stück Silber. Mittlerweile konnte sie sogar die aktuellen Rohpreise für die verschiedenen Metalle auswendig und musste gar nicht mehr auf die Liste schauen.
Es war ein bewölkter Vormittag, nur selten lugte die Sonne hinter ein paar grauen Wolken hervor. Als sie endlich mit der Bestellung fertig war und alles fein säuberlich im Geschäftsbuch notiert hatte, hatte sie gerade noch Zeit für ein kurzes Mittagessen, ehe sie sich auf den Weg zur Ratstraße machte. Schnellen Schrittes schlängelte sie sich durch die Menschenmassen in den Hauptstraßen, bog hier und da in kleinere Seitengassen ab, um schneller voranzukommen und gelangte schließlich etwas außer Atem vor dem unscheinbaren Gebäude und setzte sich auf den Rand des Brunnens, der sich in der Mitte des kleinen Platzes unweit ihres Ziels befand. Nur wenige Augenblicke später öffnete sich die Holztür und eine junge Menschenfrau mit dunkelblondem Zopf und Brille kam heraus, gefolgt von einem guten Dutzend Kindern, die sie umsahen und darauf warteten von ihren Eltern abgeholt zu werden. Alles Eltern, die viel auf die Entwicklung ihrer Sprösslinge gaben – oder es sich eben einfach leisten konnten, dachte Khaouria und ging zu der Lehrerin, ohne sich vorstellen zu müssen, denn sie war mittlerweile fast so oft hier, wie ihre Eltern.
Ealia stach mit ihren Hörnern eindeutig aus der Gruppe heraus. Als sie ihre große Schwester erblickte, sah sie enttäuscht aus. „Ich dachte Mama holt mich ab.“ „Ja, das dachte ich auch, aber es ist…“ „...mal wieder was dazwischen gekommen. Ja, ja.“, vervollständigte Ealia ungefragt ihren Satz, winkte ihren Freunden und der Lehrerin und lief los. Khaoria erkundigte sich bei Frau Scharzinger noch kurz nach Ealias Benehmen und hastete dann ihrer kleinen Schwestern hinterher, um sie sicher nach Hause zu geleiten.
